Ausführungen von Kunsthistorikerin Dr. Hildegard Heitger-Behnkezu der Ausstellung „rostig - gepflastert“ von Birgit Bayley und Reiner Bayley am 26. November 2008 in Bonn.Ein Künstlerpaar mit vielen Gemeinsamkeiten, aber auch großen Unterschieden. Beide sehen in der abstrakten Bildsprache ihre malerischen Möglichkeiten, kommen aber im Laufe ihrer 14-jährigen Beschäftigung mit Kunst zu verschiedenen Bildlösungen. Beide lassen sich inspirieren von Dingen, denen wir im stressigen Alltag nur wenig Beachtung schenken wie der abwechslungsreichen Pflasterung von Wegen oder dem reizvollen Erscheinungsbild verrosteter Türen und Tore. Für Birgit Bayley lieferten Fotos von Pflastersteinen zunächst die notwendige Anregung für die kompositionelle Gestaltung von Linien und Farben. Ende 2007 entstehen eine Vielzahl kleinformatiger Bilder (20x20cm) bei denen der scheinbar unbegrenzte Formenschatz der fotografischen Vorlagen die malerische Umsetzung kaum zu bremsen vermag. Vielleicht in Anlehnung an das Naturvorbild sind sie weitgehend in den Farben Schwarz, Braun, Grau, Ocker und Blau gehalten. Festgefügte, meist klar umrissene Formen grenzen mal mehr mal weniger dicht aneinander und sorgen für ein dynamisches und abwechslungsreiches Spiel von Fläche und Raum vor meist schwarzem Hintergrund. Die Lichtintensität der Farben wird durch Umrisslinien mit weißer Kreide noch gesteigert. Interessant ist, dass die Bildkomponenten manchmal verkürzt oder räumlich gekippt erscheinen, d.h. dass die Bildperspektive der Fotovorlage bei der malerischen Umsetzung berücksichtigt wurde. Auch ohne den direkten fotografischen Bezug sind die Bilder ausgesprochen reizvoll im Hinblick auf räumliche Irritationen. Durch die Arbeit an der kleinteiligen Serie wird Birgit Bayley 2008 ermutigt, sich an größere Formate heranzuwagen. Die Bildfläche ist auch hier in mehrere Farbfelder gegliedert, die Wirkungsweise ist aber eine gänzlich andere als noch bei der kleinteiligen Serie. Motive lassen sich doch nicht so ohne weiteres auf jedes beliebige Format übertragen. Die einzelnen Flächen scheinen größer geworden zu sein, so als wären die Pflastersteine näher herangezoomt worden. Im Unterschied zu den kleinteiligen Bildern verschwindet die Perspektive, die das Pflastersteinmotiv so charakteristisch gemacht hat und eine eher flächige Wirkungsweise tritt in den Vordergrund. Außer mit farbigen Flächen arbeitet Birgit Bayley auch gerne mit Weiß, dass zusammen mit dem dunklen Hintergrund nicht nur für eine kontrastreiche Wirkung sorgt, sondern die Farben auch so richtig zum Leuchten bringt. Das Zusammenspiel von Farbflächen und weißen Akzenten vor dunklem Hintergrund spielt eine wichtige Rolle. Erst bei der näheren Betrachtung erkennt man, dass z.T. farbiges Papier aufgeklebt wurde, um die einzelnen Farbflächen zu beleben und plastisch hervorzuheben. Formal besitzen sie große Ähnlichkeit mit dem Bildern von Max Ernst, der mit Hilfe der Frottage/Abriebtechnik die Phantasie des Betrachters anregen wollte. Die Verwendung von Weiß zieht sich durch alle Arbeiten von Birgit Bayley und wird sowohl für die flächige als auch lineare Gestaltung, wie z.B. zur Konturierung bestimmter Farbfelder, verwendet. Sie sorgt zusammen mit den anderen Kompositionselementen zusätzlich für die dynamische Wirkung des Bildgeschehens. Auch wenn man bei den letzten Arbeiten nicht zwangsläufig an Pflastersteine erinnert wird, so sind diese für die Formfindung jedoch von zentraler Bedeutung gewesen. Birgit Bayley hat sich durch fotografische Vorlagen inspirieren lassen, die malerische Umsetzung führte sie aber zu überraschenden Ergebnissen, die sie dann bei jeder Bild-Serie die Malerei neu entdecken ließ. Was für Birgit Bayley die Pflastersteine sind, sind für Reiner Bayley die verrosteten Türen, die er erstmals auf einer Reise in Griechenland wahrnahm und die ihn nachhaltig beeindruckt haben. Während für seine Frau die Kunst schon immer einen wichtigen Platz im Leben einnahm - über viele Jahre war sie Kunstlehrerin - so kam Reiner Bayley über seine Frau zum künstlerischen Arbeiten. Durch seine Ausbildung zum Drucker hat aber auch er ein sensibles Gespür für Farben und Proportionen im Laufe seines Lebens entwickelt. Dass sich beide für die Malerei begeistern, haben sie nie als Belastung angesehen und sie sind weit davon entfernt, den anderen als Konkurrenten zu sehen, im Gegenteil, der gemeinsame Besuch zahlreicher Kunstseminare hat beide nur noch mehr darin bestärkt, das für sie geeignete Ausdrucksmittel - die Malerei - gefunden zu haben. Während Birgit Bayley die Bildfläche gerne mit Hilfe von Farbflächen strukturiert, so liebt Rainer Bayley an der Malerei, dass die Materialien ihm ein Teil der Gestaltung abnehmen können. Wichtige Kriterien in seinem Werk sind daher der Zufall und das Prozesshafte. In allen Bildern wird die Leinwand zum Schauplatz bestimmter chemischer Prozesse. Neben der Acrylfarbe bestehen die Bilder nämlich auch aus Bitumen und Rost. Ungewöhnliche Bildmaterialien, die erst im Gestaltungsprozess zu einem komponierten Dreiklang zusammenfinden müssen. Jedes Material besitzt eine spezifische Wirkungsweise: die Acrylfarbe sorgt für malerische Bildgründe, Bitumen für ein tiefschwarzes, glänzendes und reliefartiges Aussehen und Rost für eine intensive orange-gelbe Farbigkeit. Zusammen mit der türkisfarbenen Patina besitzt sie eine Expressivität, die von den organischen oder synthetischen Farben nur schwer zu Toppen ist. Die Bilder bestehen aber nicht nur aus verschiedenen Materialien, sondern auch aus unterschiedlichen kompositorischen Elementen. Damit die zerrissen und offen wirkende Struktur der rostigen Passagen Halt finden kam, sorgen große Flächen in schwarz oder weiß für den beruhigenden Ausgleich. Gegensätzliche Gestaltungsprinzipien bilden somit die Grundlage für diese spannungsgeladenen und z.T. auch sehr expressiven Bilder: die Farbflächen stehen für das Konstruktive, die spontane Schüttung oder das Auftragen der Bitumenmasse oder Rostlösung für das Gestische. Das richtige Spannungsverhältnis von Zufall und Spontaneität auf der einen und gelenkter Bildgestaltung auf der anderen Seite macht die Bildentstehung zu einem einmaligen Vorgang. Obwohl die Bildmotive abstrakt und ohne Bezug zur Wirklichkeit zu sein scheinen, ist es Reiner Bayiey doch wichtig für die Herstellung seiner Bilder von realen Gegebenheiten auszugehen. Titel für seine Bilder hält er zwar für nicht so wichtig, aber dennoch heißen zwei Bilder Monemvassia l und 2, benannt nach einem griechischen Ort. Immer wieder hat es Künstler wegen des Lichtes in den Süden gezogen (van Gogh, Cezanne). Auch für Reiner Bayiey haben die Aufenthalte in Griechenland und die damit verbundene Erfahrung intensiver Sonneneinstrahlung anscheinend ihre Wirkung gezeigt. In der Bearbeitung der Leinwand mit einer Rostlösung scheint das geeignete „Malmittel" gefunden zu sein, um dem Wunsch nach kräftigen und leuchtenden Farben gerecht zu werden. Darüber hinaus wirken die rostigen Passagen vorgealtert und nicht von Menschenhand geschaffen, so als hätte nicht der Künstler, sondern die Zeit hier ihre Spuren hinterlassen. Noch mal zurück zu den realen Vorbildern und den Bildtiteln. Zwei weitere Bilder nennt Reiner Bayley Grytviken, ein ehemaliger Walfangort in Süd-Georgien. Hier finden wir auch eine zusammenhängende Form, in „Rosttechnik gemalt". Für Reiner Bayiey entstand sie in Anlehnung an einen großen Walfangkessel. Ein schönes Beispiel dafür, dass die Bilder zwar oft reale Bezüge haben, der Künstler in der malerischen Umsetzung aber sehr offen und souverän damit umgeht. Das scheint mir der richtige Weg zu sein, um spannende Bilder zu machen und bei denen das genaue Hinsehen sich lohnt. Vielleicht bleiben sie dann ein bisschen länger in unserem Gedächtnis als die Hochglanzbilder unserer Konsumwelt. Dr. Hildegard Heitger-Benke
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